13. Februar 1777 – Ein Tag in der Südsee

In alten Reiseberichten gestöbert

Captain_Cook,_oil_on_canvas_by_John_Webber,_1776,_Museum_of_New_Zealand_Tepapa_Tongarewa,_WellingtonAm 13. Februar 1777 errichtete die 3. Expedition von James Cook auf der neuseeländischen Südinsel am Queen Charlotte’s Sound zwei Beobachtungsstationen, die unverzüglich ihre Arbeit aufnahmen. Cook schickte ebenfalls ein Kommando an Land, um die bereits am Tag zuvor angelandeten Wasserfässer zu füllen. Zwei Männer wurden beauftragt Fichtenbier* zu brauen und der Schiffszimmermann war mit seiner Mannschaft ebenfalls an Land gegangen, um Holz zu schlagen. Eine andere Gruppe wurde mit dem Boot ausgesendet, um Gras für die an Bord befindlichen Rinder zu sammeln, während an Bord der beiden Forschungsschiffe Ausbesserungsarbeiten vorgenommen wurden.

Aufgrund von unglücklichen Zusammenstößen zwischen Eingeborenen und Europäern, die sich in der Vergangenheit ereignet hatten (u.a. 1772, als Kapitän Marion du Fresne und seine Bootsmannschaft getötet wurden), entschied sich Cook, der bereits auf seiner zweiten Reise diesen Ort besucht hatte für gewisse Vorsichtsmaßnahmen. Zehn Seesoldaten sicherten die Expedition an Land, alle Landgänger waren bewaffnet und die Boote durften sich nur mit einem Geschütz an Bord und unter Aufsicht von Offizieren weiter als auf Sichtweite von den Schiffen entfernen. Bereits am Vortag hatte es Kontakt zu den Einheimischen gegeben, aber nach anfänglichem Misstrauen verlief die Begegnung recht harmonisch. Trotz der Tatsache, dass 1773 eine Bootsbesatzung der Adventure – dem Begleitschiff Cooks auf seiner zweiten Reise – von den Eingeborenen massakriert und verspeist worden waren, glaubte Cook, dass die Bewohner dieses Landes ihn selbst in guter Erinnerung haben und ihm vertrauen würden. Die Sicherheitsmaßnahmen, so glaubte Cook, waren eigentlich nicht erforderlich. Und tatsächlich verlief der 13, Februar 1777 friedlich, wie Cook es in seinem Reisebericht beschreibt:

„Wenn die Eingeborenen irgendein Misstrauen gegen uns hegten, dass wir uns für ihre barbarischen Akte an ihnen rächen würden, so legten sie dieses schnell beiseite. Während des ganzen Tages kamen zahlreiche Familien von verschiedenen Teilen der Küste und schlugen ihre Behausungen bei uns auf, so dass kein noch so kleiner Fleck mehr in der Bucht war, der nicht von ihnen bevölkert wurde. Mit Ausnahme des Platzes, den wir für unser Lager beanspruchten. Dort ließen sie uns zufrieden. Aber die kamen und nahmen die Reste einiger alter Hütten mit, um sie als Material für ihre Behausungen zu verwenden.“

Fasziniert beschreibt Cook, wie die Eingeborenen ein provisorisches Lager aus dem Boden stampfen:

„Es ist erstaunlich, mit welcher Mühelosigkeit sie diese provisorischen Aufenthaltsorte errichten. Ich habe gesehen, wie mehr als zwanzig solcher [Hütten] auf einem Platz errichtet wurden, der kaum eine Stunde zuvor von Sträuchern und  Pflanzen überwuchert war.“

Der Bewunderung solcher Fähigkeiten stehen Beobachtungen über die moralische Konstitution der Eingeborenen gegenüber. In dem vom Naturforscher Johann Reinhold Forster (Begleiter auf der zweiten Reise Cooks) übersetzen Reisebericht Cooks heißt es zu den Ereignissen um den 13 Februar 1777:

„Es ist von vorigen Reisenden bemerkt worden, daß als Europäer zuerst diese Insel besuchten, die Weiber darauf viel keuscher waren, als die in den heissern Gegenden [ . . . ] Dem sey wie ihm wolle, so haben doch die unordentlichen Leidenschaften, die zuerst von den europäischen Matrosen hierher verpflantzt worden, so stark zugenommen, daß sie jetzt alle anderen Völker in Befriedigung derselben übertreffen. Auch die Männer waren jetzt so verderbst geworden, dass sie sogar ihre Weiber für einen Nagel feil boten [. . .]. Sobald es bekannt war, daß unsere Schiffe im Charlotten Sunde vor Anker lagen, so kamen die Einwohner haufenweise aus den entferntesten Theilen der Insel um Nägel, Stückchen Glas, Corallen und anderes elendes Zeug einzuhandeln [ . . . ] Die Weiber welche diese handelnden Herumtreiber begleiteten, waren eben so feil als die Waren die sie mit brachten.“

In meinem Buch „Forscher, Katzen und Kanonen“ finden sich übrigens Ausführungen des Naturforschers zur sittlichen Konstitution Kapitän Cooks, die nach Meinung des aufgeklärten Wissenschaftlers Johann Reinhold Forster letztendlich zum Tod des Kapitäns am 14. Februar 1779 auf Hawaii geführt hatte.

* Fichtenbier (spruce beer) wird aus Fichtentrieben gebraut. Von Seeleuten und Kolonisten wurde das Vitamin C-haltige Getränk zur Vorbeugung gegen Skorbut konsumiert.
Johann Reinhold Forster schreibt dazu:

„Der Baum von dem man die grünen Sprossen klein hackte und mit der Neu-Zeeländischen Theestaude (Lepto spermum zum Bierbrauen brauchte, ist keine Sprossen-Tanne sondern ein neues Geschlecht, dessen Blüthen wir nie gesehen, weil sie nie zu der Jahreszeit auf den Bäumen zu finden waren, wenn wir da ankamen. Herr Banks sagte; er käme dem Tarus oder Eidenbaume am nächsten; er trug auch weisse halbdurchsichtige Beeren: und das Bier davon verursachte allemal eine Art von Uebelkeit und Schwindel, wenn das davon gekochte Bier auf einen leeren Magen vor dem Essen getrunken ward; den man aber bey und nach der Mahlzeit getrunken, nicht verspürte.“

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2 Gedanken zu „13. Februar 1777 – Ein Tag in der Südsee

  1. Als Naturforscher war Dr. Reinhold Forster eine Koriphäe. Was einen an seinen „sittlichen“ Kommentaren in Bezug auf die Eingeborenen und ihr Verhalten erheblich stört – ja sogar anwidert – ist seine zur Schau getragene moralische Hybris, mit der er – gottgleich?! – auf diese Menschen, ihre Kultur und Zivilisation und Ethik herabsieht und mit der er sogar seinen Bordgenossen begegnet zu sein scheint. Ich habe ja auch die Reiseberichte von James Cook in deutscher Übersetzung und Bearbeitung gelesen (Erdmann-Edition) und da kommt dieser „feine“ Herr nicht allzugut weg. Glaubt man Cook, muss R. Forster diesem mehr als einmal gehörig mit seinem moralinsaurem und überheblichem Gehabe auf die Nerven gegangen sein. Selbst damals stieß dieses Gehabe selbst so korrekten Offizieren ordentlich auf.

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  2. Bier und andere Alkoholika an Bord

    Für manchen von uns heute mutet der reichhaltige Genuss von hochprozentigen Alkoholika an Bord eines seegehenden Schiffes fremdartig ja sogar skurril vor. Vom gesundheitlichen Standpunkt aus war die Menge an täglich konsumiertem hochprozentigen Alkohol auch durchaus fragwürdig – auf den ersten Blick!

    Man darf jedoch folgende Fakten nicht ausser Acht lassen!
    1. Das damals auf den Schiffen mitgeführte Trinkwasser erfüllte nicht im mindesten die hygienischen und lebensmitteltechnischen Standards, die uns heute so selbstverständlich sind.
    2. Das in Holzfässern gelagerte sogenannte Trinkwasser wurde bereits nach wenigen Wochen oder Monaten (je nach Klima) schal und sprichwörtlich „Lebendig“, d. h. es bildeten sich oder vermehrten sich explosionsartig toxische oder sogar hochtoxische Keime, was zu gefährlichen Durchfallempidemien (Ruhr, Chorera u. äl) an Bord führen konnten, die sogar das Leben der gesamten Besatzung und damit die Sicherheit und Existenz des Schiffes gefährden konnten. Die Schauergeschichten von sogenannten „Geisterschiffen“, die „ohne lebende menschliche Seele an Bord“ über die Ozeane trieb, kamen nicht von ungefähr.

    Um den gesundheitlichen Folgen des Genusses dieses sogenannten Trinkwassers entgegenzuwirken, dienten alkoholische Getränke sozusagen als das „Desinfektionsmittel“ oder „Antibiotikum“ des 18. Jahrhunderts.
    Ein Beispiel: Lord Nelsons Flaggschiff „VICTORY“ ein riesiger Dreidecker mit über 100 Geschützen und fast 1.000 Mann Besatzung führte neben 1.097 Fässern Wasser auch 51 Fässer Bier (50.960 Ltr.) und 60 bis 70 Fässer Rum. (ca. Ltr.). Das Bier war bei der Besatzungsstärke von 850 Männern in etwas mehr als 2 Wochen aufgebraucht. Der Rum, von dem täglich im Verhältnis 1:3 (1 Teil Rum, 3 Teile Wasser) pro Mann eine viertel Gallone (1 Gallone = 4,55 l; 1/4 G = 1,1375 l) ausgegeben wurden, hielt etwas länger vor:. ( 50.960 l : 1,1375 x 850 = 72 Tage).
    Bei den drei Reisen Lieutnant/ Captain Cooks, die jede etwa 3 Jahre dauerten, mussten die Rationen drastisch geringer sein, da die ENDEAVOUR, die RESOLUTION, DISCOVERY oder ADVENTURE jeweils nur etwas mehr als ein fünftel der Verdrängung der VICTORY besaßen und dementsprechend weniger Raum für die Einlagerung einer adäquaten Menge an Alkoholika hatten und zwischendurch – d. h. mittem im Pazifik – nicht mal eben neuen Rum an Bord nehmen konnten.
    Daher auch das Fichtenbier, das quasi als „Lückenbüsser“ für das „echte, gute“ englische Bier herhalten musste. Besser sowas als gar nichts.
    Was aus der Moral einer Besatzung werden konnte, wenn sie allzulange auf ihre gewohnten Rationen an Rum oder Bier verzichten musste, läßt sich in einem Wort zusammenfassen; MEUTEREI!
    Dieses Schreckgespenst jedes englischen Seeoffiziers veranlasste schon Admiral Edward Vernen während seiner Blockade von Maracaibo und La Guaira während der spanischen Erbfolgekriege dazu, den knapp gewordenen Rum zu strecken, da er wegen seines eh schon zu kleinen Blockadegeschwaders keine Möglichkeit hatte, eine Schiff als „Versorgungstender“ abzukommandieren um Nachschub zu besorgen. Der von Vernon verfügte Verschnitt ist noch heute unter dem Namen seines alten Bootsmantels als GROG weltbekannt. Von diesem rührte seitdem auch Vernons Spitzname, den ihm seine Seeleute verliehen:“Old Grog“.

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