Wie weit schießt ein 32-Pfünder?

Eine Fußnote, wie sie (nicht) im Buche steht

Canon_en_batterie_au_poste_de_rade-Morel_Fatio-img_3163Nobody is perfect, das gilt auch für Bücher, deren Autoren und Lektoren. Und so haben sich auch in mein jüngstes Werk aus dem Berliner Vergangenheitsverlag ein paar „Schnitzer“ eingeschlichen. Im Grunde ist es ja unüblich, dass ausgerechnet ein Autor auf die Fehler in seinem Buch aufmerksam macht. Aber ich habe nicht umsonst diesen Blog als virtuellen FußnotenXXL-Anhang ins Leben gerufen, denn ich verstehe „Forscher, Katzen und Kanonen“ nicht als publizistische Konserve, sondern als Teil eines Gesamtprojektes, dass auch auf die Kommunikation zwischen mir und den Lesern und die thematische Weiterentwicklung und Diskussion ausgerichtet ist.

Insofern greife ich die von meinen Lesern gefundenen inhaltlichen Fehler (bisher ist es ja nur einer, dem tatsächlich ein Recherchefehler und damit meine alleinige Verantwortung zugrunde liegt) gerne auf und nutze diese Gelegenheit, die anderen (auch zukünftigen) Leser auf den Fehler aufmerksam zu machen, ihn zu korrigieren und dabei eine Reihe zusätzlicher spannender Informationen – eben im Sinne der XXL-Fußnoten zum Besten zu geben.

5 Kilo Schwarzpulver, 14,4 Kilo Geschossgewicht und 2,5 Kilometer Reichweite

Im Glossar von Forscher, Katzen und Kanonen hatte ich – offenbar aus einer falschen Quelle geschöpft, bzw. aufgrund einer falschen Umrechnung – die Reichweite einer 32-Pfünder-Kanone von etwa 5,5 Kilometer angegeben. Tatsächlich hatten diese Geschütze bei einer Erhöhung von 8° eine maximale Reichweite von knapp 2.400 Metern. Die rund 2,5 Kilometer maximaler Reichweite gehen aus einer Aufstellung von 1860 des Artillerie-Ausbildungsschiffes HMS Excellent hervor. Das Gewicht eines 32er Vollgeschosses betrug 14,4 Kilogramm und konnte bei geradem Rohr 363 Meter, bei einer Erhöhung von 1° 746 Meter und bei 2° gut 1000 Meter gefeuert werden. Auf eine Entfernung von 910 Metern, so kann  man der Homepage der HMS Victory entnehmen, konnte die massive Eisenkugel immerhin noch 80 Zentimeter soliden Eichenholzes durchschlagen. Bei einer Normalladung von knapp 5 Kilogramm Schwarzpulver erscheint diese Durchschlagkraft durchaus nachvollziehbar. Etwa alle zwei Minuten konnte ein Schuss abgegeben werden, eine Feuerrate, die vor dem Hintergrund des komplexen Lade- und Ausrichtungsvorgangs bei den damaligen Schiffsgeschützen einen außerordentlich hohen Ausbildungsstand der Geschützcrews voraussetzte.

Für jeden Zweck das richtige Geschoss

Die massiven Kugeln, sogenannte Roundshots waren nicht die einzigen Geschosse, die die Geschütze gegen den Feind schleudern konnten. Da gab es die Hantelförmigen Stab- oder Barrengeschosse, die Kettengeschosse, bei denen Halb- und Vollkugeln durch massive Eisenketten miteinander verbunden waren oder die skurril wirkenden „grape shots“, mit kleinen Eisenkugeln gefüllte Stoffbeutel, die auf eine runde Platte (im Durchmesser der Kanonenrohrbohrung entsprechend) mit einem massiven Dorn aufgespießt wurden. Letztere wurden zum Zerschießen der Beiboote des Gegners, Ketten und Stabgeschosse vor allem gegen die Takelage des Kontrahenten eingesetzt, um diesen manövrierunfähig zu machen.

Matthew Flinders und das „friendy fire“

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Eine 18-Pfünder Karronade von 1808

Die sechs Zwölfpfünder-Karronaden (Karronaden hatten kürzere Rohre, waren damit bei gleichem Kaliber leichter, verfügten aber über eine geringere Reichweite) und zwei Sechspfünder-Kanonen von Matthew Flinders Investigator waren im Vergleich mit den Batterien von 24 und 32-Pfündern der Fregatten und Linienschiffe der Royal Navy kaum der Rede wert und ganz sicher nicht auf eine kriegerische Auseinandersetzung ausgerichtet. Dennoch erfüllten sie ihren Zweck, wie der folgende Auszug aus Forscher Katzen und Kanonen zeigt.

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ein französischer Lugger (Fischerboot)

Am 23. Juli – gerade einmal einen Tag, nachdem Flinders mit einer Blockadeflotte vor dem französischen Hafen Brest Signale ausgetauscht hatte – näherten sich der Investigator gegen acht Uhr zwei Lugger. Die wendigen zweimastigen Fischerboote entpuppten sich als Privateers, also Kaperschiffe. Kaperer führten – im Namen der jeweiligen Regierungen – auf allen Seiten einen einträglichen Privatkrieg und hatten es vor allem auf gegnerische Handelsschiffe abgesehen. Nicht immer nahmen es die Unternehmer in Sachen Krieg dabei allzu genau. Und auch bei dieser Begegnung spricht vieles dafür, dass für die Privateers der Unterschied zwischen Freund und Feind eher eine Frage der Abwägung zwischen zu erwartender Beute und Gegenwehr war. Die beiden Lugger hatten jedenfalls einen Warnschuss abgegeben, die britische Flagge gehisst und sich, der eine vor, der andere hinter die Investigator gesetzt. Auch Flinders zeigte naturgemäß die gleiche Flagge. Trotzdem gaben die Lugger zwei weitere Kanonenschüsse ab, offensichtlich um die Investigator zum Beidrehen zu zwingen. Flinders gab Befehl, das Schiff gefechtsbereit zu machen und behielt seinen Kurs unbeirrt bei. Gegen neun Uhr drehten die Lugger ab. Spätestens beim obligatorischen Trommelwirbel und dem Aufziehen der rotbefrackten Seesoldaten dürften sie begriffen haben, dass sie sich mit einem Kriegsschiff seiner Majestät angelegt hatten. Im Anschluss nutzte Flinders die Gelegenheit gleich für Schießübungen der Seesoldaten und trägt in sein Logbuch ein: „Seeing our preparations, at 9 they hauled to the wind. Exercised marines at small arms with powder, and made all sail again – Steady breeze & hazy weather“.

So macht das Autorendasein Spaß

Natürlich freue ich mich nicht nur über Hinweise, Ergänzungen (siehe auch die Kommentare von Dieter Füssenich zu einzelnen Artikeln dieses Blogs) und eben inhaltliche Fehlermeldungen meiner Leser, die ja zeigen, dass sie das Buch aufmerksam und damit offensichtlich auch „gefesselt“ zur Kenntnis genommen haben, sondern auch über qualifizierte Rezensionen. Die ersten beiden darf ich hier (nicht ohne Stolz) im Rahmen der folgenden Linkverweise vorstellen.

Volker M., Hierarchie und Disziplin

Dieter Füssenich, Forscher, Katzen und Kanonen – Rezension

Für den Hinweis auf den Fehler im Glossar und den Verweis auf seine Informationsquelle danke ich Dieter Füssenich, dessen Hompage übrigens – auch wenn noch nicht ganz fertig – nicht nur für Seefahrtinteressierte ebenfalls einen Besuch wert ist.

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2 Gedanken zu „Wie weit schießt ein 32-Pfünder?

  1. Nicht zu vergessen die Brandgeschosse, also heiß bis glühend erhitzte Geschosse, mit denen der Gegner in Brand geschossen werden konnte. Natürlich eine hundsgemeine Sache auch für den “Absender”, denn zwischen Pulver und Kugel musste ein Pfropfen aus nassen Lumpen stecken, so nass, dass der Geschützbedienung nicht das eigene Rohr um die Ohren flog, aber nicht zu nass, damit die Kugel die Hitze hielt. Soweit ich weiß, waren es in der Royal Navy Spezialschiffe, mit dafür ausgebildeter Bedienung. Ich glaube, es waren auch nur Mörser, mit denen man sich das traute.

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  2. Lieber Detlev!

    Da muss ich dich jetzt aber leider korrigieren. Die Royal Navy hat nie zugelassen, dass an Bord ihrer hölzernen Kriegsschiffe mit glühenden Kugeln „experimentiert“ wurde. Die Brand- und Explosionsgefahr, ganz zu schweigen die Verletzungsgefahr durch die schweren, glühend heissen Kugeln, war der Admiralität einfach zu groß und stand in keinem Verhältnis zu einem mäßig warscheinlichen Erfolg. Die spanische Marine hat solch ein Experiment auf einem ihrer Linienschiffe versucht, dieses aber schnell wieder eingestellt, als besagtes 80-Kanonen-Lininschiff mit Mann und Maus – und Katzen – in die Luft flog und als riesiges Puzzle wieder runterkam.

    Glühende Kugeln wurden ab dann nur noch von landgestützten Batterien verwendet, was beim Beschuss von Hafenanlagen immer wieder als Gefahrenpunkt für die hölzernen Schiffe zu beachten war. Es galt nicht zuletzt deswegen der taktische Grundsatz, dass Schiffeim Gefecht gegen Landbatterien niemals Sieger sein konnten. Einfach auch deshalb, weil die schwimmenden Plattformen nie ganz still standen bzw. lagen, sondern ihre Batterien stets dem Heben und Senken der Wellen sowie den Gezeitenströmungen unterworfen waren und daher präzises Zielen nahezu unmöglich. Landbatterien hatten zudem noch den taktischen Vorteil, mit schwereren Geschützen „aufwarten“ zu können; waren die schwersten Geschütze an Bord von Linienschiffen meist 32-Pfünder, so verfügten Landbatterien meist über 42 Pfünder. Die dafür notwendigen Besatzungen zusammenzustellen stellte für die Armeen keinerlei Problem dar und im Wege (wie in den engen Decks) standen sich die Soldaten auf den Batterien dabei auch nicht. Auch baulich war man natürlich auf den Batterien im Vorteil. So konnte man – weit genug vom Magazin entfernt – eine separate Esse errichten, in der die Kugeln glühend erhitzt werden konnten. Diese wurden dann in einem eigens dafür konstruierten „Träger“ von 2 Mann zum Geschütz gebracht werden. Dort wurde der Träger vor die Mündung gehalten, leicht gekippt und die Kugel konnte ins Rohr rollen. Beim Verschießen glühender Kugeln wurden dabei extra starke Propfen verwendet, um die Kartusche mit dem Pulver vor der sengenden Hitze der Kugel zu schützen und eine vorzeitige Entladung des Geschützes zu vermeiden. Für ein Schiff gab es kaum noch etwas existenzbedrohenderes, als von einem glühenden Geschoss getroffen zu werden – vor allem, wenn dieses durchschlug und innen in den Decksbalken oder Planken steckenblieb. Im Nu konnten gefährliche Schwelbrände und daraus Brände entstehen, die sich in dem zundertrockenen Holz mit all dem Teer und sonstigen Anstrich sowie dem überall herumliegenden oder stehenden Material rasend schnell ausbreiten konnten.
    Für den Beschuss von Hafenanlagen und Festungsbatterien hatte die Navy deshalb spezielle Bombenketschen entwickelt, die später noch weiterentwickelt wurden.
    Erstere hatten ein oder zwei Masten, wobei der vorderste erst kurz vor der Schiffsmitte stand. auf dem freien Platz zwischen Vormast und Vorsteven befand sich ein – später auch drehbares – Funda- ment auf dem ein Mörser montiert war. Dieser Mörser wurde mit einer exakt nach den Regeln der Ballistik berechneten Pulverladung (Kartusche) geladen, bevor das eigentliche Geschoss, eine Hohlkugel mit einer Pulverladung und einer ebenfalls nach Regeln der Ballistik und der Handhabung von Spezialzündschnüren (mit spezifizierter Brenndauer je Fuß/ Zoll) ausgestatteten Lunte, in das Rohr gegeben wurde. Die Richtung des Schusses konnte zunächst nur mittels einer Spring, einer auf die Ankertrossen gesteckten Leine, die vom Gangspiill aus durch die achteren Luken aussen um das Schiff herum und dann zur Ankertrosse verlief, eingestellt werden. Durch Drehen des Spills konnte so das Schiff und damit auch das Geschütz (der Mörser) gerichtet werden. Die Höheneinrichtung erfolgte am Mörserfundament selbst. Um 1800 gab es dann schon Mörserschiffe mit 2 Mörsern, die drehbar im Deck gelagert – also gewissermaßen Vorläufer der drehbaren Geschütztürme der Panzerschiffe waren. Der erste drehbare Geschützturm wurde übrigens 1862 an Bord U.S.S. MONITOR montiert! Mörserschiffe waren im Einsatz während des Quebeck-Feldzuges (Juni bis September 1759, Admiral Sir Charles Saunders, Generalleutnant James Wolfe), bei der Eroberung Gibraltars 1713, und in den Napoleonischen Kriegen bei den beiden Attacken auf die dänische Flotte bei Kopenhagen (1801: Nelson, 1807 Gambier).
    Es gibt mehrere Romanreihen historischer Seekriegsromane, die sich in dem ein oder anderen Band mit den Einsätzen von Mörserschiffen beschäftigen und in denen der Einsatz mit all seinen Facetten sehr plastisch beschrieben wird:

    Cecil Scott Forester: Horatio Hornblower – Kommodore Hornblower (Hornblower in der Ostsee, 1807 ff.)

    Alexander Kent: Richard Bolitho – Admiral Bolithos Erbe

    Woodmann: Nathaniel Drinkwater – Die Mörserflotille (1801, Parker/ Nelson)

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